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Erläuterungen zur Kritik an Küppers' Farbenlehre von D. Zawischa

Die Goldfischkurven

Zuerst noch einmal das Bild mit den angeblichen Absorptionskurven der Zapfenflüssigkeiten aus der "Logik der Farbe".

   

          
Abb. 7   Absorptionskurven von separierten Zapfenflüssigkeiten. Ergebnis physiologischer Forschung.
Quelle: Rainer Röhler: Systematische Farbgestaltung. Deutsche Verlagsanstelt, Stuttgart 1969. Seite 9.

Küppers zitiert ja nicht die Originalarbeit, aus der das Bild stammt. Aber ich habe in folgende Arbeiten der beiden genannten Gruppen nachgesehen:

   

[1] P. K. Brown and G. Wald, Nature 200 (1963) 37
[2] P. K. Brown and G. Wald, Science 144 (1964) 45
[3] W. B. Marks, W. H. Dobelle, E. F. MacNichol, Jr., Science 143 (1964) 1181
[4] E. F. MacNichol, Jr., Scientific American, Dec. 1964, p. 48

Nach dem Überfliegen der zitierten Artikel ist klar: die Messungen in der obigen "Abb. 7" wurden nicht an Sehzellen von Menschen oder Primaten, sondern an denen von Goldfischen durchgeführt. Bei Messungen an menschlichen Zapfen finden Brown und Wald [2] die Absorptionsmaxima bei 450 nm, 525 nm und 555 nm; Marks et al. [3, 4] finden die Maxima bei Messungen an Zapfen von Primaten bei 447 nm 540 nm und 577 nm. Diese Zahlen bestätigen ganz klar die aus den Normspektralwertkurven gewonnenen Grundempfindungskurven für die drei Zapfenarten.
Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass in der Netzhaut von Goldfischen vier Zapfentypen am Farbsehen beteiligt sind. Goldfische sind – wie vermutlich ursprünglich alle Wirbeltiere – Tetrachromaten.

Als ich danach das Buch von Harald Küppers: Schule der Farben: Grundzüge der Farbentheorie für Computeranwender und andere (DuMont Buchverlag, Köln, 1992; ISBN 3-7701-2841-9) zur Hand bekam, war ich äußerst überrascht, dort folgendes Bild zu finden:

   

          
Abb. 9 Absorptionskurven der drei Zapfentypen in der Netzhaut des menschlichen Auges. Die Maxima sind mit V (Violettblau), G (Grün) und O (Orangerot) bezeichnet.

mit der Quellenangabe: H.J.A. Dartnall, I.K. Bowmaker und I.D. Mollon, "Human visual pigments: micro-spectrophotometric results from the eyes of seven persons", Proc. Royal Society London, 1983, B220, 115–130.

Die obere Skala gibt die Wellenlänge an. Bemerkenswert auch, dass Küppers sein "O" diesmal bei 560 nm einzeichnet. Demnach ist Orangerot schon mal Grünlichgelb. (In Bild 10 findet sich Y bei 574 nm und O zur Abwechslung einmal bei 634 nm.)

Als nächstes Bild findet man dort

   

          
Abb. 10 Absorptionskurven der drei Zapfentypen von Goldfischen. [...]

Küppers' Reaktion auf die Ergebnisse von Dartnall, Bowmaker und Mollon – er hält es

   

für wahrscheinlicher, daß der Verlauf der Absorptionskurven der drei Zapfenflüssigkeiten im menschlichen Auge mehr der Abbildung 10 entspricht, in welcher die Absorptionskurven von Goldfischen dargestellt sind. Die von ihm durchgeführten Experimente weisen darauf hin, daß die Absorptionsmaxima wahrscheinlich bei etwa 448 nm, 518 nm und 617 nm liegen. Dieser Expertenstreit hat allerdings für die Farbenlehre keinerlei Bedeutung, denn wichtig ist allein die Tatsache, daß es drei spektral verschieden empfindliche Zapfentypen gibt.

Die genaue Form der Empfindlichkeitskurven äußert sich wirklich erst in feineren Details unseres Farbsinnes.

Die Abbildung 9 taucht in der "Schule der Farben" noch ein zweites mal mit der Nummer 40 auf, und sie wird mit den Normspektralwertkurven verglichen

   

Man vergleiche Abb. 39 mit Abb. 40, um zu erkennen, wie groß die Unsicherheiten sind, die sich zwischen den Festlegungen der CIE und den Forschungsergebnissen von Dartnall, Bowmaker und Mollon auftun [...] Der Autor vermutet, daß es sich bei den Absorptionskurven nicht um die eines "Normalbeobachters" handelt. Vielmehr ergibt sich der Verdacht, daß dies die Absorptionskurven eines Menschen mit starker Farbfehlsichtigkeit im Rotgrünbereich sind.

Wieder der Irrtum, dass die Normspektralwertkurven identisch mit den Zapfenempfindlichkeiten wären. Außerdem sind Absorptionskurven nicht mit Empfindlichkeitskurven gleichzusetzen, denn bei den letzteren ist auch noch die Filterwirkung der Gelbfärbung der Macula sowie der Linse zu berücksichtigen. Wenn man diese aber in Rechnung stellt, ist die Übereinstimmung mit den Empfindlichkeitskurven exzellent. Heute gibt es noch mehr und genauere Daten und man kennt auch die verschiedenen Varianten der L- und M-Empfindungskurven. ... Seltsam, wieder der Verdacht, dass ausgerechnet ein farbfehlsichtiger Mensch als Versuchsperson ausgewählt worden wäre – schlimmer noch, gleich sieben stark farbfehlsichtige Menschen wären untersucht worden – das wäre ja wie verhext. Und die vielen Versuchspersonen, deren Daten zu den Normspektralwertkurven geführt haben, müssten ja auch schon farbfehlsichtig gewesen sein.

Die 10., überarbeitete und aktualisierte Auflage von Harald Küppers: "Das Grundgesetz der Farbenlehre" ist im Jahr 2004 erschienen (DuMont, ISBN 3-8321-1057-7). Dort finde sich (auf Seite 117) die obige Abbildung 10 wieder, diesmal ohne Quellenangabe und ohne Erwähnung des Sachverhalts, dass sich die Kurven auf Goldfische beziehen:

   

In Abb. 55 finden wir zahlreiche Meßpunkte, die durch Absorptionsmessungen von Zapfenflüssigkeiten gewonnen wurden. Diese drei Kurvenzüge, die die Empfangsbereiche der drei Zapfentypen repräsentieren, nennt man auch "Spektralwertkurven".

Was soll man dazu sagen?


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